Super-Food: Ein Plädoyer für die heimische Johannisbeere



„Es ist wichtig zu schauen, was man kauft. Woher es kommt und dass man möglichst regional kauft“, sagt Landwirt Michael Bullinger aus Kupfer. Er weiß, wovon er spricht, denn seine Familie baut hier vor den Toren von Schwäbisch Hall seit 52 Jahren Johannisbeeren an – rote und schwarze und nichts als Johannisbeeren. Früher wie heute gelten sie als besonders vitaminreich und gesund. Ein gleichzeitig altes und neues Super-Food.

Insgesamt 68 Anbauer von Johannisbeeren gibt es in Deutschland, aber fünf von ihnen – ganz vorn dabei der Obsthof Bullinger in Kupfer – ernten die Hälfte der Trauben. „200 bis 300 Sorten gibt es weltweit. Wir haben derzeit sechs Sorten im Anbau“, erklärt der 44jährige Fruchtsafttechniker und Industriemechaniker. Er übernahm den Hof 2006 von seinen Eltern Emmi und Rolf Bullinger und bewirtschaftet ihn nun in vierter Generation. 106 Hektar mit aktuell sechs Sorten Johannisbeeren werden von hier gehegt und gepflegt. Die Monate Juli und August sind Hochsaison, denn da ist sechs Wochen lang Erntezeit. Die Eltern, Ehefrau, Bruder und Neffe von Michael Bullinger und auch die ältesten Kinder Leni (12) und Julius (8) helfen nach Kräften. Der konventionell wirtschaftende Hof, welcher auch Mitglied im Bauernverband ist, zieht alle neuen Pflanzen selbst, um Krankheiten auszuschließen und um sogenannte ‚Besträger‘ zu nutzen. „Die Hauptarbeit beginnt Ende März oder Anfang April“, erklärt der Landwirt. Und weiter: „Zu dieser Zeit düngen wir und spritzen gegen Pilze, das geht nicht anders“. Drei bis vier Behandlungen sind dazu nötig. Alle acht bis zehn Tage muss nach seiner Erfahrung gespritzt werden, auch gegen Läuse, Raupen, Milben und zum Schutz der Blüten. Vier Wochen vor der Ernte wird das Spritzen beendet, sodass die Wirkstoffe nicht mit zum Verbraucher gelangen. Im Winter schon wurde das Unkraut bekämpft. Entweder mit Pflanzenschutzmitteln oder mechanisch aufgelockert mit dem Mulchgerät, wie im heimischen Garten. „In diesem Jahr mussten wir viel tun, weil der reichliche Regen zwar die Beeren schön wachsen lässt, aber auch den Pilzbefall forciert“, erklärt Bauer Bulliunger. Er ist sich bewusst, dass das ein vieldiskutiertes Thema ist und klärt deshalb auf: „Das Spritzmaterial wird vollständig abgebaut. Alles andere ist oder wird in Europa verboten und gilt als Ausschlusskriterium. Die Zulassungen dafür wurden aktuell geändert.“  

 

 

Ob ‚Bio‘ oder konventionell – die Pflanzen werden nicht groß ohne Behandlungen. „Es gibt Früchte im Beerenbau, wo ein normaler Bioanbau kaum geht. Auch hier muss man spritzen und viele Anbauer haben wieder aufgegeben. Biobetriebe hacken alle 10 Tage das Unkraut aus den Reihen – entweder mit der Hand oder mit Hackmaschinen. Aber ein Bioanbau von Johannisbeeren ist im großen Stil nicht möglich, weil diese besonders anfällig sind“, weiß Landwirt Bullinger. Er berät Biolandwirte innerhalb des Verbandes der Johannisbeerenanbauer. Von Vermarktung bis Pflanzenschutz – hier tauscht man sich aus und hilft einander. Die Anfragen der Biobauern kommen, weil die Bullingers einer von zwei großen ‚Testern‘ in Deutschland sind. Auf Extra-Feldflächen werden die Pflanzen auf Resistenzen und Anfälligkeiten hin getestet. 80 Sorten Johannisbeeren wurden auf dem Obsthof Bullinger bereits getestet in den letzten zehn Jahren. Dabei werden die, für das hiesige Klima und unseren Boden, geeignetsten Sorten bezüglich Qualität, Gesundheit und Wachstum untersucht. Die Johannisbeere stammt aus Sibirien. Der Klimawandel macht es fast nicht mehr möglich, sie hier anzubauen. Denn da dieser nicht gestoppt ist, wird es für Flachwurzler, wie die gesunden Beeren, nun mehr und mehr viel zu trocken. Das fördert Pilz- und Tierbefall. „Auf sieben Hektar und bewusst an verschiedenen Standorten probieren wir viel aus. Wir testen unter anderem mit Blühmischungen, Getreide und Luzerne in jeder fünften Reihe. Da wird nicht gemäht. Das bietet Lebensraum für Insekten und Schutz für Tiere, wie Hasen und Rehe. Unser Ziel ist, herauszufinden, ob man Insekten zahlreicher und länger ansiedeln kann. Wir beobachten und probieren aus, was sich durchsetzt. Wir nutzen dafür bewusst Mischungen und Spätblüher, wie Luzerne, sodass immer was blüht“, erklärt der offene Landwirt sachlich. Direkt an der vielbefahrenen Kreuzung in Übrigshausen gibt es ein Testfeld, auf dem seit zwei Jahren keinerlei Herbizide zum Einsatz kommen. Das Ergebnis ist auch für Laien eindeutig: Die Pflanzen schaffen es nicht, das Unkraut zu überragen und richtig zu wachsen. Schilder mit Informationen zum Testfeld laden Spaziergänger zum Selbststudium ein.   

 

 

 

Das Problem wird der Kampf ums Wasser „Unser Ertrag kann sich in manchen Jahren auf die Hälfte reduzieren oder ganz ausfallen“, erinnert sich der Obstbauer. Schwankungen im Ernteertrag sind beim Anbau von Johannisbeeren deutlich stärker ausgeprägt, als zum Beispiel bei Getreide. Von ‚Null‘ bis zu 17 Tonnen ist da vieles möglich. Demzufolge schwanken die Abnahmepreise – zwischen 15 Cent und einem Euro pro Kilo, je nach weltweiter Erntemenge. Mit den hauptsächlich regionalen Verarbeitern von Muttersaft, kein Konzentrat, wie Bullinger betont, gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit. Fünf Abfüller gibt es Deutschlandweit, viele hier vor Ort – von Neuhof, über Sulzbach an der Murr bis nach Winnenden. „Die wissen genau, was sie abfüllen und können das gut rückverfolgen“, erklärt er. Damit er für weiter trockene Jahre gut gerüstet ist, wurden aktuell zwei eigene Brunnen für die Bewässerung gebaut. „Derzeit haben wir Silos als Wasserspeicher und sind ganz auf die Natur und den Regen angewiesen.“ 

 

 

 

Johannisbeeren haben deutlich mehr Vitamin C als Orangen. Schwarze Beeren mehr als rote - und zwar siebenmal soviel. „In Japan ist es der neueste Schrei, daraus Pillen gegen Vitaminmangel herzustellen“, weiß Michael Bullinger. Aber auch in Neuseeland oder Großbritannien gab und gibt es seit vier bis fünf Jahren Versuche, mit dem pflanzlichen Mittel gegen Muskelkater, zur Stärkung für Schwangere und sogar gegen Alzheimer vorzugehen. „In den Staaten des ehemaligen Ostblockes ist es ‚normal‘, die ganzen Früchte zu essen“, ergänzt er. Das mag den ein oder anderen auch hier daran erinnern, dass Oma oder Uroma immer gesagt haben: Trink deinen Beerensaft, der ist sooo gesund! ‚Hidden-Fruits‘ würden wir heute sagen.

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