Irgendwann müssen wir fahren – Zeitfenster fürs Güllefahren sind eng.



Fluch und Segen zugleich – Gülle fahren. Landwirt Thomas Hiller aus Michelbach an der Bilz zeigt, wie das funktioniert mit dem Transport und dem Ausbringen der Gülle hier in der Region? Wer macht was und welche Maschinen sind dafür erforderlich? 

„Ich bin froh, dass der Maschinenring so gut investiert hat. Das wäre sonst das Ende für viele kleine landwirtschaftliche Betriebe gewesen“, stellt Landwirt Hiller in Bezug auf die Ausbringung von Gülle klar. Die heutige Technik dafür ist sehr teuer. Ein Güllefass, welches allen Anforderungen der neuen Düngeverordnung entspricht, liegt je nach Größe zwischen 35.000 und 50.000 Euro, zuzüglich Mehrwertsteuer. Da sind die mächtigen Gestänge zur Verteilung des natürlichen Düngers, sie heißen Schleppschlauch- oder Schleppschuhverteiler, noch nicht mit dabei. Je nach Arbeitsbreite kosten diese dann noch einmal zwischen 35.000 und 55.000 Euro. Die Maschinenringe haben in diese Technik investiert und vermieten sie nach Bedarf an die Landwirte. Dafür gibt es sogenannte Maschinenring-Mietstationen – eine davon leitet der Industriemechaniker Thomas Hiller, der sich sehr bewusst für die Landwirtschaft entschieden hat. Er ist 41 Jahre jung, hat Familie und zusätzlich den Beruf des Landwirtes gelernt. Zusammen mit seiner Mutter bewältigt er die Arbeit auf seinem Hof – 250 Sauen mit ihren Ferkeln – allein. Dazu kommen Gerste, Weizen, Hafer und Raps auf 60 Hektar als Futter. Die Gülle der Tiere, also flüssige und feste Stoffe, kann er sechs Monate in einer Grube lagern, dann muss sie ‚raus‘, wie er sagt. Also auf die Felder und Wiesen, als der natürlichste Dünger der Welt. Und das riecht man dann auch.             

 

Warum eigentlich wird Gülle gefahren? Thomas Hiller erklärt, dass der natürlich anfallende Wirtschaftsdünger, der hauptsächlich aus Urin und Kot seiner landwirtschaftlicher Nutztiere besteht, einen hohen Gehalt an gebundenem Stickstoff, Phosphor, Kalium hat. Das macht Gülle zu einem wichtigen Dünger, dessen Einsatz auf den Höfen den synthetischen Düngern reduziert und im Sinne des Kreislaufgedankens direkt auf dem Hof wieder eingesetzt werden kann. So verbleiben Wasser, die Hauptbestandteile der Gülle, und Nährstoffe auf dem Hof. „Man sieht am Wuchs auf den Zentimeter genau, wo man gedüngt hat und wo nicht“, erklärt der Landwirt. Ihm und seinen Kollegen ist selbst daran gelegen, dass sie genau dann düngen, wenn der Boden es am besten aufnehmen kann und nur so viel wie nötig. „Wir wollen den Dünger ja nicht verschenken. Er ist wertvoll und schließt den Kreislauf auf dem Hof. Der Boden soll ihn schnell und vollständig aufnehmen“, so Landwirt Hiller weiter. Die moderne Technik, die sogenannte Direktablage – statt breitflächigem Sprühen – auf dem Feld, garantiert mehr Genauigkeit, wie und in welcher Menge die Nährstoffe in den Boden gelangen. Wann und wie wird die Gülle ausgebracht? Die dafür vorgeschriebene Technik macht es laut Aussage des Landwirtes sehr viel teurer. „Die heutige Verteiltechnik kostet glatt das Doppelte zu früher“, so Hiller. Die Vorgaben dazu regelt die nationale Düngeverordnung, welche sich 2020 noch einmal grundlegend geändert hat. Die erhöhten Kosten können, wie so oft in der Landwirtschaft, nicht auf die Produkte, wie das Fleisch der Tiere, zum Beispiel die Ferkel von Hof Hiller, umgeschlagen werden. Auf der Differenz bleiben die Landwirtsfamilien sitzen. „Das Güllefahren ist kein Schnäppchen mehr. Es wird uns aber nicht honoriert. Als normal arbeitender Landwirt ist das nicht bezahlbar“, erklärt Thomas Hiller. Und auch, dass er gut findet, dass es die Maschineringe gibt. So teilen sich die Kosten für die Geräte durch die Nutzer. Die neue Düngeverordnung regelt die Zeitfenster zum Güllefahren genau. Notgedrungen fühlt es sich dadurch so an, als wenn immer alle Landwirte zur gleichen Zeit Gülle ausbringen. Alles mit dem Ziel, dass der Boden die Nährstoffe vollständig durch die Pflanzen aufnehmen kann. Klare Sperrzeiten gibt es von November bis Ende Januar, je nach Feldfrucht und Art der Gülle. Für reines Ackerland beginnt die Sperre sogar mitten im Sommer schon. Offen dafür sind der März und der April, da ist der Boden normalerweise frostfrei und wird für die neue Ernte vorbereitet.  


 

Warum riecht es trotzdem? Seit mehr als einem Jahr besteht die Pflicht, die Gülle auf Ackerland in den bestehenden Pflanzenbestand und bodennah auszubringen. Das kann mit Techniken wie dem Schleppschlauch, dem Schleppschuh oder mit Schlitztechnik geschehen. Alle drei Varianten haben gemeinsam, dass es ‚kein Vergleich‘ zur Breitverteilung ist, was den Geruch angeht. So der Landwirt Hiller. „Wir legen die Gülle bodennah ab, das riecht kaum und nur kurz“, erklärt er. Das was viele Menschen, die im ländlichen Raum leben oder unterwegs sind, noch kennen und manchmal auch sehen, sind Güllefässer mit einem Breitverteiler am Heck, dem sogenannten Schwanenhals. Sieht man dies in Aktion, weiß man: Jetzt riecht es gleich richtig! Also Fenster und Nase zu, Autolüftung auf ‚Umluft‘. Diese Form der Gülleausbringung ist noch bis Ende 2024 auf Grünland, also Wiesen, erlaubt. Denn hier sind, außer in der Frostperiode, die Pflanzen immer in der Lage, den Naturdünger schnell zu verarbeiten. Ausnahmen gibt es zum Beispiel für die Vorbereitung eines Ackers für die Mais-Aussaat, wenn die Gülle innerhalb von vier Stunden in den Boden eingearbeitet werden kann. Nun, es ist wohl unser aller Abfall, der da riecht. Irgendwann muss er irgendwohin. Auch hier ist gegenseitige Rücksicht gefragt, wozu der Vertreter der Mietstation für Landmaschinen in Michelbach eine klare Haltung hat: „Ich fahre nie Samstagmittag, das muss nicht sein. Es ist wichtig, dass sich alle ein wenig absprechen. Aber irgendwann müssen wir dann fahren“. Er betont das und erklärt seine Arbeit mit dem Hinweis, dass „alles, was im Kühlschrank ist, einer von uns macht“. Deshalb ist ihm wichtig, dass es Wertschätzung und faire Preise gibt. Nur so kann man als Landwirtsfamilie auskömmlich leben, wie er sagt.

 

 

Info: ‚Land – Leben – Leute‘ ist ein Projekt der Maschinen- und Betriebshilfsringe Blaufelden, Crailsheim, Hohenlohe, Östlicher Tauberkreis, Rems-Murr-Neckar-Enz, Schwäbisch Hall und Unterland. Gemeinsames Ziel ist es, allen Interessierten Wissenswertes und Hintergründe rund um die Landwirtschaft im Norden Baden-Württembergs zur Verfügung zu stellen und so eine Grundlage für ein wertschätzendes und verständnisvolles Miteinander von Bevölkerung und Landwirten zu schaffen.          

Zurück